Tag der Erinnerung – 18 Jahre nach dem Mord an Alberto Adriano

In der Nacht des 11. Juni 2000 wurde Alberto Adriano von drei Neonazis im Dessauer Stadtpark zusammengeschlagen, er erlag drei Tage später seinen Verletzungen. Cornelia Lüddemann, Vorsitzende der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sprach beim Tag der Erinnerung am 11. Juni 2018. Hier ist ihre Rede:

Das Geheimnis der Versöhnung ist Erinnerung, nicht das Vergessen,
nicht das Verdrängen dessen, was stattgefunden hat,

sondern das Aufarbeiten dessen, was stattgefunden hat.

So Bundestagspräsident  a.D.  Prof. Dr. Norbert Lammert zur Frage:
Wie viel Erinnerung braucht Demokratie?
(Vortragsveranstaltung der sechs Politikergedenkstiftungen des Bundes 19.6.2017)

Eine gute und wichtige Frage!
Und ich finde, sie passt genau zu unserem heutigen Anlass. Übersetzt darauf heißt sie:
Wie viel Erinnerung braucht Dessau-Roßlau,
wie viel Erinnerung braucht eine Stadtgesellschaft?

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Peter Kuras,
sehr geehrter Ibrahim Arslan,
lieber Razak, lieber Marco!
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter!

Am 14. Juni 2000 erlag Alberto Adriano seinen schweren Kopfverletzungen, die ihm drei Neonazis hier im Stadtpark von Dessau zugefügt hatten. Als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, arbeitete er auch nach der friedlichen Revolution als Fleischermeister.

Alberto Adriano war nicht das erste Opfer in Sachsen-Anhalt nach den Einheitsfeiern, doch sein Tod schaffte es in die Medien und löste bundesweit eine Welle der Empörung aus. Zurecht, denn mindestens dreizehn Menschen sind seit 1990 in Sachsen-Anhalt von rechten und rassistisch motivierten Tätern getötet worden – erstochen, erschlagen, zertrampelt, angezündet von Rassisten oder Neonazis. Manche Opfer sind bundesweit bekannt. Andere seit vielen Jahren BEINAHE vergessen, wie der ebenfalls in Dessau getöteten Hans-Joachim Sbrzesny. Der Tatort liegt nur unweit von hier, der Dessauer Hauptbahnhof (Blick in die Richtung).

Alberto Adrianos Gesicht steht für die Opfer von rechter Gewalt, deren Schicksal und Geschichte im öffentlichen Diskurs eher eine unbedeutende Rolle spielt.

Im Vordergrund stehen meist die Täter, ihre Motive und im hiesigen Fall die Tatsache, dass sie nicht aus Dessau kamen. Weniger das Leid der Angehörigen oder gar die strukturellen Ursachen.

Die Motive ähneln sich erschreckend in ihrer Banalität, die Beweggründe in ihrer Flachheit. Die Opfer, hier Alberto Adriano, aber auch Martin Görges, Willi Worg oder Frank Böttcher, waren schlicht anders. Passten nicht ins Weltbild der Nazis oder waren nicht ‚konform’.

Ein Teil der Stadtgesellschaft begegnete den Morden kurzzeitig mit Unverständnis und Ablehnung. Doch der größte Teil nahm die Tathandlung und den Diskurs darüber mit jener nachsichtigen und schweigsamen Duldsamkeit hin, wie sie aktuell prägend für unsere Gesellschaft scheint. Erinnern, um daraus nicht nur Versöhnung, sondern auch Handlung zu ermöglichen, ist vielen Menschen fremd, gar störend.

Insofern freue ich mich sehr, dass wir heute gemeinsam hier sind. Wir sind hier, um uns an Adriano zu erinnern, aber auch, um  Erinnerungskultur zu verteidigen. Zu verteidigen gegen  Kräfte, die hier und an anderen Stellen die Vergangenheit umdeuten und für rechtes oder nationalistisches Gedankengut vereinnahmen. Sie brüllen offen und zunehmend ohne jeden Skrupel, ihr undemokratisches und unmenschliches Gedankengut in die Öffentlichkeit und in Foren der Soziale Netzwerke. Es werden einfache Schuldzuweisungen, vermeintlich einfache Erklärungen ohne Lösungsvorschläge geboten.

Wir selbst sind in Verantwortung, diesen Feinden der Demokratie die Stirn zu bieten und uns gegen Extremismus und Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu wehren.

Jetzt mögen einige sagen, müssen es denn immer gleich die großen Worte sein. Können wir nicht einfach nur des Menschen Adriano gedenken?

Da muss ich antworten, nein. Denn Adriano ist nicht nur zufällig gestorben, sondern weil er anders war. In diesem Fall anderer Hautfarbe. Und damit ist sein furchtbarer Tod ein Politikum. Er darf und muss betroffen machen. Er muss aber auch Ansporn sein, immer und überall wo wir sind und uns bewegen, für Frieden, Demokratie und Toleranz zu werben. Aktiv und mit Zivilcourage für die Grundwerte unseres Zusammenlebens einzustehen. Das Grundgesetz ist dabei unser Kompass. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass sich Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft breit macht und die Fundamente angreift, auf denen unser freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat fußt. Jede Bagatellisierung erweitert den Aktionsradius der Rassisten. Jedes Hinnehmen senkt die Hemmschwelle und verschiebt die Maßstäbe zuungunsten der Opfer, zuungunsten menschenrechtlicher Werte.

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

deshalb ist es am heutigen Tag der Erinnerung gut und richtig, dass wir hier sind. Es ist gut und wichtig, dass es in Dessau-Roßlau (und darüber hinaus) Menschen gibt, die jedweder Form von Rechtsextremismus entschieden entgegengetreten. Sei es in Form einer Menschenkette, sei es bei Demonstrationen oder mit zivilem Ungehorsam. Oder eben auch, indem sie immer wieder diese Erinnerungsveranstaltung organisieren. Und sich nicht irritieren lassen von denjenigen, die längst vergessen haben oder gerne vergessen würden. Oder die Augen vor den größeren Zusammenhängen verschließen wollen.

Erinnerungskultur ist gerade in rechtspopulistischen Zeiten wichtiger denn je. Es ist wichtig, Stellung zu beziehen.

Jährlich erinnern wir an die Opfer des Nationalsozialismus, an brennende Synagogen, das Massaker von Lidice und an konkrete Personen und Ereignisse, um die Vergangenheit gegenwärtig zu halten. Das ist so zwingend notwendig, wie das tägliche Zähneputzen. Wird man hierbei nachlässig, wird’s braun.

Wir müssen uns aber jedes Mal hinterfragen und darauf achten, dass erinnern kein Selbstzweck wird. Wir müssen die festen Gedenktage – und dankenswerter Weise haben die Mitstreiterinnen und Mitstreiter des Multikulturellen Zentrums den Tag der Erinnerung an Alberto Adriano zu einem solchen gemacht-  wir müssen solche festen Gedenktage immer neu einbetten in aktuelles Zeitgeschehen und immer wieder den Bogen zu aktuellen Ereignissen und dem aktuellen Leben der Menschen über unseren aktiven Kreis hinaus spannen.

Deshalb ist es mir auch persönlich sehr wichtig, das will ich als landespolitisch Aktive hier in Dessau-Roßlau sehr klar sagen, dass wir im Fall Oury Jalloh mit der Benennung zweier renommierter Parlamentarischer Berater eine klare Perspektive haben, wenn der Generalstaatsanwalt seine aktuelle Prüfung abgeschlossen hat. Es darf an keiner Stelle der Eindruck entstehen, unser Rechtsstaat wäre nicht handlungsfähig, es dürfen keine Unklarheiten oder Intransparenz über Behördenhandeln oder das Handeln von Menschen in staatlichen Institutionen bleiben. Auch hier gilt: die Erinnerung wach halten und Lehren für die Zukunft ziehen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir erinnern an Alberto Adriano, stellvertretend für alle Opfer rechter Gewalt. Wir erinnern an Alberto Adriano, um klare Kante gegen Menschenfeinde  zu zeigen.

Alberto Adriano wir werden dich nicht vergessen.

Vielen herzlichen Dank für ihr Zuhören!

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

This blog is kept spam free by WP-SpamFree.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.